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Jeden Tag neue Abenteuer

13.8.2025 Thurø Bund - Nyborg 25,1sm

Am Morgen ist der Wind zurück und wir setzen unseren Weg Richtung Norden fort. Ein endgültiges Ziel haben wir noch nicht festgelegt, erst mal einfach losfahren. Am Anfang ist ganz schön viel Wind. Als wir in den Langeland Belt kommen teilweise bis zu 20 Knoten Böen, aber es macht Spaß. Tabaluga fährt erst sehr zickig nur 3-4 Knoten hoch am Wind. Nach einer Wende stellen wir den Traveller mittig und können das Groß noch etwas dichter holen. Jetzt fahren wir 5-6,5 Knoten bei gleichem Kurs. Manchmal ist es seltsam…

Die Sonne steht hoch am Himmel. Nach und nach flaut der Wind ab und ist irgendwann ganz weg. Deshalb beschließen wir nach Nyborg rein zu fahren, was eigentlich unser “Safe Harbour” ist, wenn Sturm angesagt ist aber auch bei Flaute kann man sicherlich dort gut festmachen.

Wir kommen an einem Boot vorbei, welches mit flatternder Genua rumdümpelt. Wir fragen uns schon, was sie da machen. Bernd hat irgendeinen dummen Spruch auf den Lippen. Aber dann sehe ich, dass sie winken und jemand an Bord die Hände wie zu einem Y ausstreckt. Ich erinnere mich an die Zeichen in einem Deuter Rucksack. Eigentlich sind das alpine Rettungssymbole, d.h. dass jemand Hilfe braucht. Also drehen wir ab und fahren hin. Anscheinend sind vorher mehrere andere Boote einfach vorbei gefahren.

Wie es aussieht, lässt sich ihre Maschine nicht wieder starten und da kein Wind herrscht, kommen sie nicht von Fleck. Die Frau an Bord scheint ein wenig in Panik zu sein. Wir beschließen kurzerhand, sie abzuschleppen. Auch für uns ist so eine Aktion das das erste Mal, aber mit Ruhe und keinem Wind sollte es für uns durchaus machbar sein. Die Seenotretter sind zwar informiert, aber sie würden noch eine weitere Stunde brauchen, um ein Motorboot zu den Havarist zu schicken. Da keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben droht, ist das kein Notfalleinsatz.

Bernd bereitet die Leinen vor. Ich fahre ganz vorsichtig und ruhig an das andere Boot heran und bin schon recht angespannt, da ziemlich viel Schwell herrscht und wir natürlich aufpassen müssen, dass die Boote nicht aneinander stoßen. Die Leinenübergabe klappt zum Glück perfekt beim ersten Versuch und nach einigen Anweisungen liegen die Leinen so wie man es am besten macht. Wir haben einen Hahnepot, also Leinen in Form eines Y auf unsere beiden Heckklampen gelegt und genauso macht es der Havarist mit seinen Vorderklampen.

Ganz langsam gebe ich Gas und wir schaffen es, das Boot abzuschleppen. Es ist kleiner als unseres und leichter. Trotzdem merkt man schon, das Tabaluga was zu tun hat. Wenn man bedenkt, dass wir am Abend vorher selber noch Motorprobleme hatten, ist das schon ganz schön mutig, was wir da tun. Kurz vorm Hafen, als wir im ruhigen Fahrwasser sind, ziehen wir den Havaristen langsam seitlich an uns heran und fahren so im Päckchen in den Hafen hinein.

Bernd schafft es sogar, mit beiden Boden im Hafen zu drehen, so dass wir seitlich an unserem alten Platz vor den Hochhäusern in Nyborg anlegen können. Wow! Irgendwie bin ich gerade verdammt stolz auf Skipper, Steuerfrau und das Boot. Lieschen wurde für die gesamte Aktion nach unten verbannt, was sie nicht so witzig fand, aber in dem Moment kann man wirklich keinen Hund zwischen den Füßen gebrauchen.

Die beiden Geretteten sind furchtbar dankbar, aber auch fix und fertig. Das ist klar nach der Aktion, zumal die Sonne wirklich heftig brannte. Es ist schon ganz schön nervenaufreibend, vor allem wenn man wenig bis keine Erfahrung hat. Wir trinken gemeinsam einen Kaffee, essen ein paar Kekse und lernen uns ein wenig kennen, verabschieden uns dann auch bald.

Wir erwarten kein Dankeschön dafür. Wir empfinden diese Hilfe als selbstverständlich. Bei mehr Wind hätten wir es vermutlich nicht gewagt, aber so war’s letztendlich kein Problem und auch eine gute Übung und auch Bestätigung für uns als bestes Team 😍.

Ich zaubere noch ein Resteessen: “Reis mit Scheiß”, wie wir es gerne nennen und danach sind wir auch reif für die Koje. Was. Für. Ein. Tag!

14.8.2025 Nyborg

Wir beschließen, heute in Nyborg zu bleiben, in Ruhe einzukaufen und unsere Vorräte aufzustocken. Das Wetter ist irgendwie komisch, der Himmel ist verhangen, es ist warm und drückend ohne Wind. Das lädt gerade dazu ein, nicht viel zu machen.

Tatsächlich können wir auch ein bisschen arbeiten. Wir haben noch ein Online Meeting und gehen anschließend eine große Runde spazieren mit einem abschließenden Bad für Lieschen in der Ostsee. Für uns bietet sich leider gerade keine gute Gelegenheit zum Baden. Da der Hafen durch den Ostwind ziemlich dreckig ist, fängt sich halt alles im Hafenbecken bei der Windlage.

Wir bekommen noch einen wunderbaren dänischen Apfelkuchen geschenkt, als Dank für die Rettung. Wir plaudern ein wenig und verabreden uns für den nächsten Tag auf Samsø. Das Boot, das wir abgeschleppt haben, ist mittlerweile wieder in Ordnung. Es war lediglich ein Relais beim Anlasser, was defekt war und von einem Mechaniker repariert werden konnte. Kleiner Fehler, große Auswirkung. So kann es passieren beim Segeln!

Beim Spaziergang beobachten wir einen Schweinswal, der im Hafen auf der Suche nach frischem Fisch ist. So nah an der Zivilisation, ob das gut ist für die kleinen Meeressäuger? 🐳

15.8.2025 Nyborg - Ballen 41,7sm

Wir legen bei schwachem Wind ab und durchfahren auf unserem alten Track vom letzten Jahr die Store Belt Bruen, die im Nebel gespenstisch und wie immer beeidruckend wirkt.

Der Wind wird mehr und Tabaluga beginnt Fahrt aufzunehmen. Wir knacken die Neun-Knoten-Marke bei Speed Over Ground. So geil, so macht das Spaß! Bis kurz vor Ballen fahren wir unter Vollzeug, also gesetzter Genua und vollem Segel.

Wie vorher gesagt frischt der Wind allerdings mehr und mehr auf und die ein oder andere Böe mit 20 Knoten rauscht durch. Wir reffen die Genua und setzen die Fock. Eigentlich wollten wir weiter bis Langør, aber kurz entschlossen entscheiden wir uns, abzudrehen und doch in Ballen in den Hafen zu fahren, da die Wettervorhersage ein wenig unsicher erscheint. Wir versuchen es einfach, ob wir ein Liegeplatz bekommen.

Im Hafen herrscht allerdings pures Chaos. Der Segelclub aus Kalundborg feiert seinen 50-jähriges Bestehen, wie wir hinter feststellen, und hat den halben Hafen reserviert. Für alle anderen bleibt nicht mehr viel Platz. Unsere neuen Bekannten vom Vortag sind schon da und winken uns an ihre Seite. Sie liegen an einer ebenfalls ziemlich großen Aluminium Yacht und wir haben Angst, das wir das kleinere Boot zwischen den zwei dicken Schiffen zerquetschen könnten.

Wir tun es trotzdem, denn wir haben eigentlich keine andere Chance. Bernd wird hinterher noch für sein angeblich nicht bilderbuchreifes Manöver ein wenig kritisiert, was wir nicht so ganz verstehen. Aber letztendlich zählt nur, dass alle sicher im Hafen sind und keine Schäden entstanden sind. Der Ton im Hafen wird nun doch etwas rauer, was eigentlich nicht schön ist, denn schließlich wollen sich ja alle nur helfen.

Da wir schon mit vier Boote im Päckchen liegen und die kleine Yacht zwischen den zwei großen eingeklemmt ist, möchten wir nicht, dass noch jemand weiteres bei uns anlegt. Bei zwei oder drei an kommenden Boden ist das Verständnis dafür gering, und wir müssen etwas lauter und energischer werden.

Hinzu kommt, dass einige Plätze per Internet reserviert werden können, man aber nie weiß, wann die besagten Boote kommen. Meistens sind das große Motorboote oder große Segelyachten, die sich im Vorfeld in diesem kleinen Hafen einen Platz reservieren. So ist es auch heute: ein ganzes Päckchen Boote, also vier Stück, müssen ihren Platz verändern, um einer Reservierung Platz zu machen.

Wir legen Leinen und Fender und ziehen uns in Position. Ein anderer Segler fragt Bernd: “Oh, hast du eine E-Winsch? Ziehst du uns an deiner Heckleine zu dir hin?”. “Nein”, erwidert mein Skipper ganz trocken “das mach ich per Hand!” Alle lachen und ich nenne ihn ab heute nur noch Bernie Schwarzenegger 💪.

Irgendwann beruhigt es sich und alle haben ihren Platz gefunden und wir schippern mit Lieschen und dem Schlauchboot an Land. Der Nachbar hat einen Elektro-Außenbordmotor dabei. Dafür, dass er mit den Kindern einmal mit Schlauchi an Land fahren darf, dürfen wir uns den E-Motor zur Probe leihen, sehr angenehm.

Kurz vor Mitternacht, wir liegen schon in der Koje, kommt noch ein Boot in den Hafen und legt nun doch an uns an. Ich frage noch den Skipper, ob wir was tun sollen und höre nur ein “Nein” gebrummelt aus dem Kopfkissen. Also gut, wir werden es wohl alle heile überstehen. So viel mehr Wind soll auch nicht kommen, es sind so 20-25 Knoten derzeit, angesagt waren um die 30.

16.8.2025 Ballen - Langør 10,0sm

Wir schlafen gut in der Nacht, es passiert nichts. Allen geht es am nächsten Morgen blendend, auch dem kleinen Boot, dass sich zwischen uns Großen doch sehr eingequetscht gefühlt haben muss. Dessen Besetzung hat allerdings nicht so gut geschlafen. Sie möchten lieber noch einen Tag in Ballen bleiben, während wir aufbrechen um in diesen wunderschönen kleinen Hafen Langør zu Segeln. Das Boot, das an uns festgemacht hat, ist mit vier jungen Damen besetzt. Wie unser Nachbar so schön sagt: “Die hätte ich auch wirklich nicht weggeschickt mitten in der Nacht!” 😉

Der Wind hat sich wieder beruhigt, bläst mit angenehmer Stärke und wir segeln full Speed auf glattem Wasser Richtung Norden. Wir knacken unseren Geschwindigkeitsrekord erneut und freuen uns wie kleine Kinder.

In Langør angekommen ist genug Platz am Außensteg. Dort machen wir fest und beschließen: hier bleiben wir zwei Tage! Genau an diesem Steg haben wir vor zwölf Jahren Valérie und François kennen gelernt. Damals waren wir die einzigen Boote im Hafen, es war schon Ende September. Wir schreiben unsere neuen Bekannten eine Nachricht, dass das Segeln traumhaft war und es hier viel schöner ist als in Ballen. Es dauert nicht lange und wir bekommen die Antwort: ok, wir kommen!

Später werden wir von anderen Seglern angesprochen, ob wir auch Mitglied im Transocean Verein sind? Wir haben den TO Wimpel gesetzt. Wir werden für den Abend auf ein Gläschen Wein oder ein Gläschen Rum eingeladen, was uns doch sehr freut. Der Abend ist lustig, wir lernen zwei Paare kennen, die schon über den Atlantik gesegelt sind. Geschichten rund ums Segeln und ein Gläschen Rum aus Martinique bei bestem Sommerwetter. Wunderbar!

17.8.2025 Samsø

Die Morgenrunde führt über einen Hügel, der aussieht wie ein Hühnengrab oder eine ehemalige Burg, bewohnt von ein paar Schafen. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick über den Hafen.

Wir satteln die kleinen Italiener und machen uns auf zur Radtour an die Nordspitze Samsøs.

Nach all den Geschichten über die Karibik gestern Abend frage ich mich beim Anblick des hellblauen Wassers und der wunderbaren Insel: brauchen wir das überhaupt? Ja, das Wetter ist hier in Dänemark wohl nicht ganz so konstant gut wie in der Karibik, aber für heute ist es einfach nur traumhaft.

Der kleine Ort mitten auf der Insel sieht doch aus wie aus einem Astrid-Lindgren-Roman entsprungen, oder nicht? Bullerbü in Dänemark… überhaupt ist hier alles einfach nur zauberhaft!

Abends sitzen wir noch mit unseren Bekannten bei uns an Bord, trinken ein Gläschen Sekt auf ihre Rettung und das Leben im Allgemeinen. Was ein wunderbarer Tag!

18.8.2025 Langør - Ankerbucht 820m

Da Lieschen gestern Abend gestern ein bisschen zu kurz gekommen ist, startet unser Tag heute mit einer kleinen Laufrunde durch die Heide. Selbstverständlich gibt es danach ein kurzes Bad in der Ostsee und ein herrliches Frühstück, das haben wir uns verdient.

Gestern Abend beim Sekt haben wir unseren Bekannten versprochen, ein bestimmtes Hafenmanöver mit ihnen zu üben. Das machen wir und es klappt hervorragend bei wenig Wind. Grundsätzlich war die Idee gut, es erst mal zu zeigen, wie es funktioniert. Dann können sie üben und später auch viel Wind durchführen. Wir sind ein klitzekleines bisschen stolz auf unsere erste Einheit als Skipper-Trainer. Die beiden wollen anschließend wieder los Richtung Süden und wir verabschieden uns von den gemeinsamen Abenteuern.

Da für den gesamten Tag Flaute angesagt ist, beschließen wir uns in die Ankerbucht vorm Hafen zu verholen und den restlichen Tag einfach mal nichts zu machen. Lesen, baden, paddeln und mal die Drohne in die Luft schicken. Mehr machen wir heute nicht und fühlen uns wie in der Karibik.